Rückschau: Futuro D am 17.09.2019: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit – Hilfen für Kriegskinder im Alter.

Die zurückliegende Tagung war das Jubiläum von Futuro D mit der nun 10. Veranstaltung. Das Tagungsformat will Impulse geben, die Zukunft im demografischen Wandel mit den Alten zu gestalten. Aufgezeigt werden sollen die Bedürfnisse, Wünsche und Kräfte verschiedener Alterskohorten über 55 Jahre. Bei der zehnten Tagung standen hochaltrige Menschen im Mittelpunkt, deren Zeitgeschichte und deren Folgen bedingt durch Gewalt, Verlust und Vertreibung. Dies hinterließ eine Reihe von psychologischen Spätfolgen bei Kriegskindern, deren Auswirkungen unmittelbar an die nächsten Generationen weitergeleitet werden.

Die Hanns Lilje Stiftung unterstützte diese Tagung großzügig und die Evangelische Erwachsenenbildung sowie das Zentrum für Seelsorge waren Kooperationspartnerinnen.

Die Veranstaltung war zudem geprägt durch die Vielfalt der Teilnehmenden: Der jüngste Teilnehmer im Alter von Anfang 20, drei Gäste und der Hauptreferent zwischen 1935 und 1937 geboren. Im Auditorium saßen Engagierte aus der Erwachsenenbildung, Hospizarbeit, Alzheimer Gesellschaft, Seniorenbeiräte und nicht zuletzt aus kirchlichen Einrichtungen und Gemeinden.

Hauptreferent war Prof. Dr. Hartmut Radebold, der 1935 in Berlin geboren ist. Er zeigte die vielfältigen beschädigenden und traumatisierenden Erfahrungen von Kindern der Jahrgänge 1928 bis 1945 auf. Die Auswirkungen seien unterschiedlich schmerzhaft: Zerstörungen, Vertreibung, Vergewaltigung, Verlust(e) des Vaters, Bruders, der Mutter, Verarmung, Hunger, Krisen, Scheidungen der Eltern und vieles mehr.

Prof. Dr. Radebold zeigte die zeitgeschichtlichen Schrecken auf. 30% der Kinder gelten als ausgeprägt traumatisiert, 30% müssen als ausgeprägt beschädigt angesehen werden. 40% verfügen über keine derartigen Erfahrungen. In Bildern zeigte er, wie maskenhaft abwesend die Gesichtsausdrücke der spielenden Kinder in den Trümmern wirkten.

Die Spätfolgen wie Traumata, Depression, psychosomatische Erkrankungen, Persönlichkeitsveränderungen, Sucht und Beziehungsstörungen beeinträchtigen in der Regel bis in das hohe Alter. Prof. Dr. Radebold stellt diese in seinem Vortrag eingehend dar. (siehe Download)

In vier Workshops nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, Auswirkungen der Schrecken der Kriege weiter zu beleuchten. Das Ziel: Wege zu finden, das Sprechen und Erinnern professionell zu begleiten. Vorgestellt wurden Konzepte und Praxiserfahrungen aus und für die Bereiche Bildung, Pflege und Seelsorge. Prof. Dr. Radebold vertiefte psychotherapeutische Gesichtspunkte: Wie können die schmerzhaften Spuren angeschaut und ausgehalten werden? Pastorin Anita Christians-Albrecht stellte Möglichkeiten seelsorglicher Begleitung vor. Gitta Alandt informierte über den Leitfaden für die Pflege von alten und traumatisierten Menschen: „Wenn der Schrecken wieder lebendig wird: Pflege und Trauma.“ Anke Lesner stellte das Konzept und die praktischen Erfahrungen von biographischer Arbeit mit Kriegskindern in Erzählcafes vor. „Dem Unerhörten Raum geben: Biographiearbeit in Erzählcafes.“ Die Cafes bewähren sich in Bildung und Seniorenarbeit sehr gut, um zum Gespräch über die Biographie zu ermutigen. Traumatisierende Ereignisse – insbesondere von sexualisierter Gewalt – beeinträchtigen Selbstwertgefühl und -vertrauen. Räume für geschützten Austausch mit professioneller Begleitung bieten die Chance, sich der schmerzhaften Erinnerung zu stellen. (s. Download, besonders Folie 18)

Wünsche aus den Workshops für die Zukunft:

  • Zeitgeschichtliche Hintergründe formen biographische Prägungen: Wissen in Fortbildungen vermitteln für die Lehrenden und ehrenamtlich Unterstützenden, für Angehörige und Pflegende
  • Wissen sammeln: Wer ist unser Gegenüber? Anregung: individuelle lebensgeschichtliche Fragebögen mit familiären, sozialen und zeitgeschichtlichen Hintergründen in Pflege, Sozialarbeit und Bildung
  • Wissen um trauma-aktivierende Faktoren wie z.B. Stiefel
  • Mehr Wissen zur intergenerativen Weitergabe, Belastungen der Kriegsenkel
  • Sensible Gesprächsführung vermitteln, Fragen formulieren lernen

Der Vortrag von Gitta Ahlandt und Anke Lesner stellte die Ergebnisse und Empfehlungen aus dem Projekt „Alter und Trauma“ in NRW vor. Einige der Fragen aus den Workshops konnten sie aufgreifen. In dem Rahmen des Projektes wurden Impulsveranstaltungen und Schulungen durchgeführt mit dem Ziel, ein neues Verständnis für die älteren Menschen und deren traumatischen Erfahrungen zu vermitteln. Sie ermutigten zur aktiven „Traumawürdigung“: Mit Interesse, Dasein, Zuhören, Trösten. Nicht zuletzt betonten sie den hohen Stellenwert von kontinuierlichen und verlässlichen Beziehungen. Bei dem zunehmenden Verlust von Mobilität und Kräften steigern positive Bindungen die Resilienz, das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität und tragen zu einem zufriedenerem Altwerden und gelingendem Abschied bei. (s. Download)

Die Arbeitsmaterialien aus dem Projekt sind hervorragend für Schulungen und für Gruppenleitungen geeignet.

Insgesamt plädierten viele Teilnehmende dafür, dass mehr Zeit benötigt wird, um verlässliche Beziehungen zu gestalten und Vertrauen aufzubauen. Die aufsuchende Arbeit im Quartier oder die zugehende Arbeit in der Pflege braucht verstärkt Personalkapazität. Diese auszubauen sollte Ziel politischen und kirchlichen Engagements sein. Nur so können Traumata und Belastungen thematisiert werden. Die langen verschwiegenen Leiden sollten stärker in der Öffentlichkeit Beachtung finden. Nicht zuletzt lernen wir aus den Erfahrungen dieser Generation, welche Erlebnisse die aktuell Flüchtenden mitbringen.

Alle Gäste schätzten, dass Prof. Dr. Radebold die verschiedensten Fragen ausführlich beantwortete. Die Gespräche und nicht zuletzt die allseitige Wertschätzung der unterschiedlichsten Erfahrungen brachten der Veranstaltung den großen Erfolg. Die große Vitalität der Beteiligung stimmt alle Verantwortlichen optimistisch, dass die vielfältigen Anregungen weitergetragen werden.

Für die Weiterarbeit stellen wir Ihnen die Vorträge gern zur Verfügung.

Weitere Informationen:

Gertrud Völkening

voelkening@aewb-nds.de

Tel.: 0511 300 330-325